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05. Juli 2013   Sammelsurium

Peter-Paul Zahl »Der glückliche Arbeitslose« (1979)

Schlagen wir eine der vielen Zeitung auf, welche die Frechheit aufbringen, sich alternativ, links oder gar linksradikal zu nennen, überfällt uns der heilige Zorn. Wohin man auch schaut, ob In- oder Ausland, es wird wahrhaftig über Arbeitslosigkeit und Berufsverbot geklagt und gejammert.

Haben wir uns denn je um Arbeit und Beruf geschert - im Kapitalismus? Man wagt, uns Faulenzertum, Genusssucht und Müßiggang vorzuwerfen - wovon es gar nicht genug geben kann -, und Ihr bettelt darum, Berufe ausüben zu dürfen?

Welche Berufe, liebe Schwestern und Brüder, werden denn da verboten? Etwa solche, für die in einer wirklich freien und klassenlosen Gesellschaft Bedarf bestünde? Weit gefehlt.

Hurra Berufsverbot

Greifen wir nun einige Fälle von Berufsverbot heraus und analysieren wir sie mit jenen Mittel, die ein gesunder Menschenverstand, Marx und Lafargue uns gewähren, mit dem Historischen und Dialektischen Materialismus (nur echt mit fünf Rot- und drei Blaumachern). Lassen wir doch einmal jene Karikatur ähnlichen Namens beiseite, den Hysterischen Materialismus...

Ihr jammert: dem Kommunisten Volker G. wurde untersagt, Richter zu werden. Zunächst hielten wir diesen Fall für zu läppisch, uns weiter damit zu beschäftigen. Ein Kommunist – ein Richter? In der Bundesrepublik gar? Zu abgeschmackt schien uns dieser flaue Scherz. Doch die Nachricht über ein weltweites Krakeelen wurde von allen Seiten erhärtet. Müssen wir darlegen, was ein Ächter Kommunist ist? Das können wir uns wohl ersparen. In den Bänden aller Klassiker (mit blauen, roten, lindgrünen und auch schwarzen Umschlägen) steht doch wohl eindeutig, was wir unter Justiz in diesem System zu verstehen haben. Trotz aller Streitigkeiten in den reihen des Weltsozialismus aller Schattierungen muss klar sein, dass jemand, der sich in der Bundesrepublik Deutschland um ein Richteramt bewirbt, alles Mögliche sein mag, nur eben – kein Kommunist.

Darum lasst uns zur positiven Seite dieser Leidigen Geschichte kommen: Erstmals wurde jemandem verboten, den Beruf des Richters auszuüben! Welch kluge Vorwegnahme zukünftiger Gesellschaften! Welch Takt, welche Größe, welch ein Spaß!

Endlich ist ein Anfang gemacht, einem der wohl überlebtesten und überflüssigsten Berufe zu verbieten.

Gibt es etwa noch Hundefänger, Türmer, Wasserträger? Gibt es gar noch Feldscherer, die auf den Jahrmärkten ihren armen Opfern zur Belustigung eines verrohten Publikums Zähne ziehen? Gibt es noch die Gilden der Henker und Seiler? Müssen wir hier wirklich auf die übliche und üble Tätigkeit deutscher Richter verweisen? Auf das, was sich in diesen schrecklichen Orten, Amts-, Land-, Oberlandesgerichte genannt, abspielt? Auf Kaiserslautern, Düsseldorf, Stammheim? Auf die Berufsbekleidung dieser Spezies, die ihr eine vertrackte Ähnlichkeit mit Geiern und Krähen verleiht? Auf ihre Rituale, ihre seltsame Sprache? Auf die steinzeitlichen Gebräuche, denen sie ihre Opfer unterwerfen? Auf ihre Vorgänger – Schamanen, scholastische Pfaffen und Inquisitionstheologen? Auf ihre Nähe zu Kirche und Thron und Galgen und Lager?

Wer mit uns meint, es sei endlich an der Zeit, kühn sich der Gegenwart zu stellen, der Zukunft ins lichte, freundliche Auge zu blicken, der kann es nur begrüßen, dass mit dem Berufsverbot für – und sei es erst einen – Richter ein großer und mutiger Anfang gemacht wurde.

Wenden wir uns nun anderen Vorfällen zu, die zu bejammern Ihr Euch nicht entblödet: den Berufsverboten für Rechtsanwälte, Dozenten, Lehrer, Pfarrer, Verfassungsrechtler usw. Wo lebt Ihr eigentlich? Habt Ihr Vernunft, Gewissen, Gedächtnis und klaren Blick verloren? Seid nicht auch ihr als Kinder von Lehrern gequält worden? Habt Ihr so flink vergessen, wie unsere Kindheit und Jugend, unsere Initiative, Phantasie, Spontaneität, unser Spieltrieb, unsere Lebenslust in staubigen, eklig riechenden und langweiligen Klassen(!)zimmern ermordet und ausgetrieben wurden? Habt Ihr Eure Abrichtung verdrängt? Müssen wir da nicht das Berufsverbot für Lehrer vielmehr lauthals begrüßen? Sollten wir nicht eher Kobolz schlagen vor Freude, uns an den Händen fassen, singen und jubeln? Erfüllt es nicht auch Eurer Herz mit Freude, wenn jenen mitleidlosen Seelen, die dazu abgerichtet sind, Kinder unglücklich zu machen, endlich das Handwerk gelegt wird? Seht Ihr denn nicht, wie wir, den hehren Sinn darin, wenn sie nützlicheren Tätigkeiten, wie die der Friedhofsgärtner, Taxi- und Busfahrer, Schuhputzer, gar Sozialhilfeempfänger, zugeführt werden?

Nennt uns auch nur einen Grund, der uns davon abhalten könnte, das Berufsverbot zu – preisen! Nun, pflegt Ihr einzuwenden, dem Berufsverbot fallen bekanntlich nur Genossen, kritische, bessere Menschen zum Opfer. Nur sie müssten sich den erniedrigenden und abstoßend-antidemokratischen Anhörungsverfahren unterziehen. Die Angst ginge um. Der Krumme Gang käme in Schwang, die Lüge und Selbstverleugnung. Resignation mache sich breit. Der Lange Marsch ende, ehe er recht begann.

An wem liegt es, wenn Angst und Resignation regieren? An uns! Und an wem liegt es, den Berufsverboten die positive Seite abzugewinnen? Ebenfalls an uns.

Könntet Ihr Euch im Ernst mit dem Gedanken abfinden, Euer ganzes Leben als Rechtsanwälte, Lehrer, Dozenten, Richter zu verbringen? Gar bis zum 65. Lebensjahr? Hat nicht auch Euch der Heilige Schauder gepackt, wenn Ihr auch nur dran dachtet?

Sind Arbeitslosigkeit und Berufsverbot nicht vielmehr Vorstufen künftiger Arbeits- und Lebensweisen? Fordern wir nicht:

Arbeitslosigkeit für Alle!?

Liegen nicht großartige Perspektiven darin, ein ganzes Leben lang nichts, aber auch gar nichts für den Moloch “Kapitalverwertung” zu tun? Wächst nicht im Schoße der Alten Gesellschaft das strahlende Kind der Zukunft heran: der tanzende, lachende, spielende, genießende, singende Mensch von Morgen, der seine Bedürfnisse liebt und lebt?

Arbeitslosengeld und Sozialhilfe seien zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben?

Dann kämpft dafür, diesen Zustand zu ändern. Betreibt die Große Aneignung. Fordert den Politischen Lohn. Gründet die Partei gegen die Arbeit! (Bei einer Millionen Arbeitslosen mit etwa je drei Angehörigen kämen 4 Millionen Stimmen zusammen – unseres Wissens also etwa 10 % aller Stimmen...)

Arbeitszeit – Freizeit, Kultur – Leben, Sexualität – Arbeit: diese Begriffe drücken die Trennungen in unserem Alltag aus. Nun, da das wunderbare Zeitalter der Nicht-Arbeit für viele angebrochen ist, obwohl das Kapital die Macht noch in den Händen trägt, ist es uns, den Arbeitslosen, die endlich ihr schlechtes Gewissen verlieren müssen, den “Opfern” der Berufsverbote, möglich, den Anderen die Aufhebung der Trennungen vorzuleben, in Spiel, Freude und Zusammenarbeit in Harmonie.

“Doppelstrategie” darf nicht bedeuten, lauthals Arbeit zu fordern – und sich in Wirklichkeit (wie jedermann) nach Feierabend, Sonnabenden und Sonntagen, Feiertagen und Urlaub zu sehnen. Kann nicht bedeuten: Schluss mit dem Berufsverbot! zu schreien – und in der politischen Arbeit einen Zustand anzustreben, der Richtern, Dozenten, Verfassungsrechtlern, Lehrern und ähnlich unnützen Berufen das Handwerk legen wird.

Sind unsere Bedürfnisse wirklich Ausgangspunkte unserer Politik, wir Marx und Lafargue (Lebensmittel) forderten? Dann begrüßen wir Arbeitslosigkeit und Berufsverbot ausdrücklich. Dann richten wir Schulungskurse für alle ein, die Anhörungsverfahren unterworfen werden oder sich bei einem Ausbeuter bewerben müssen. Schulungskurse, in denen gelernt wird, wie man möglichst radikal und verfassungsfeindlich aussieht; wie verschlagen-naturalistische Antworten gegeben werden; wie das Augenmerk der Prüfer vom Verfassungs“schutz” auf alle jene Punkte gerichtet werden kann, die diesen Toren entgangen waren; wie ein möglichst saloppes, unverschämtes Auftreten helfen kann (Bewerbungen nur unrasiert, nach Rotwein und Knoblauch riechend, ein Anarchoblatt unter dem Arm).

Arbeitslos

Dann werden Arbeits- und Sozialämter Stätten freudiger Begegnung. Dann werden Tricks und Tipps von Mund zu Mund weitergegeben, sich erfolgreich dem Ansinnen zu entziehen, Arbeit annehmen zu müssen. Dann fragen wir nicht kriecherisch nach irgendwelchen Posten und Stellen, sondern sacken – fröhlich pfeifend! – stolz alle uns zustehenden Gelder ein. Dann tragen wir jeden abgelehnten Lehramtskandidaten auf den Schultern aus den finsteren Verließen der Bürokraten. Dann bilden wir heiter Trupps von Arbeitslosen, die Büros belagern und jedes, aber auch jedes Angebot sozialer Hilfe in Anspruch nehmen. Dann werden wir alle “Animateure” in den Plätzen unseres Ewigen Urlaubs: unseren Städten und Dörfern.

Hoch die Arbeit – dass keiner dran kann!

Unsere Sorge darf nicht länger darin bestehen, an Arbeit zu kommen, sie kann vielmehr darin gesehen – und gemeistert! – werden, sich mit genügend Kohle, Asche, Mäusen, Rubelchen für den andauernden Festtag zu versehen. Schon heute kosten beispielsweise Unterkunft und Verpflegung für Straf- und Untersuchungsgefangene bei Weitem mehr als ein gleich langer Urlaub auf Mallorca oder am Sonnenstrand. Warum also nicht gleich alle Personen, die aus dem Produktionsprozess herausgefallen sind, in den Süden schicken? Vergessen wir nicht: Wir sind viele und werden immer mehr. Zur Zeit gibt es in den hochentwickelten Industrieländern des Kapitalismus 18 Millionen Arbeitslose. Spricht sich herum, wie wunderschön Muße sein kann, wird unsere Branche die mit den höchsten Zuwachszahlen sein und gewaltigen Zulauf aus Landwirtschaft, Handwerk, Gewerbe und Industrie erhalten. Ja, das Verhältnis von Arbeitenden zu Nicht-Arbeitenden wird sich rapide umdrehen. Unser Ziel muss sein: ein jeder ein Playboy (deutsch: Spieljunge), eine jede ein Playgirl – allerdings ohne die spezifischen Laster jener, die sich heute so nennen.

Der in der Hängematte dösende Eingeborene von den Trauminseln, von dem schon Marx schrieb, ist unser Vorbild. Und bald wird auch dem Letzten einsichtig, dass der malochende, schwitzende, nervlich zerrüttete Lohnabhängige und Ausgebeutete – dauernd Stress, Dreck, Gestank, Lärm, Berufskrankheit, der Gefahr eines Unfalls usf. ausgesetzt – ein Gespenst grauer Vergangenheit, dunkler Vorgeschichte sein muss, sein wird.

Berufsverbot für Alle!
Eine Jede, ein Jeder arbeitslos!

müssen unsere Forderungen lauten. Schluss mit der Verdrehung aller Werte! Das verfaulende kapitalistische System selber liefert uns die Alternative: hitzefrei im Sommer, nebelfrei im Herbst, kältefrei im Winter, erkältungsfrei im Frühling, arbeitslos und brünstig – glücklich das ganze Jahr über. Nichts anderes. Freiheit und Glück, sagen wir immer, nicht: Arbeit und Unglück.

So sei es.

Sozialkonferenz

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