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05. Januar 2013   Sammelsurium

Andre Breton: »Manifest des Surrealismus« (1924, Auszug)

b banane-wurst-fruchtfleisch[…] Wir leben noch unter der Herrschaft der Logik - darauf wollte ich allerdings hinaus. Aber die logischen Methoden unserer Zeit werden nur noch auf die Lösung von Problemen zweiter Ordnung angewendet. Der absolute Rationalismus, der noch in Gebrauch ist, erlaubt lediglich die Berücksichtigung von Fakten, die eng mit unserer Erfahrung verknüpft sind. Die logischen Zwecke hingegen entgehen uns. Unnötig hinzuzufügen, dass auch der Erfahrung Grenzen gesteckt wurden. Sie windet sich in einem Käfig, aus dem sie entweichen zu lassen immer schwieriger wird.
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Auch sie stützt sich auf die unmittelbare Nützlichkeit, auch sie wird vom gesunden Menschenverstand bewacht. Unter dem Vorwand der Zivilisation, des Fortschritts, gelang es schließlich alles aus dem Geist zu verbannen, was mit Recht oder Unrecht als Aberglaube, als Hirngespinst gilt, jede Art der Wahrheitssuche zu verurteilen, die nicht der herkömmlichen entspricht. Vor kurzem ist - scheinbar durch den größten aller Zufälle, ein Teil der geistigen Welt wieder ans Licht gehoben worden, meines Erachtens der weitaus wichtigste, um den sich zu bekümmern man nicht mehr für nötig befand. Freuds Entdeckungen gebührt unser Dank. Auf Grund dieser Entdeckungen bildet sich endlich eine neue geistige Richtung heraus, die es begünstigt, dass der Erforscher des Menschlichen seine Untersuchungen weiter vorantreiben kann, ihn bevollmächtigen, nicht mehr nur summarische Erfahrungen zu berücksichtigen. Die Imagination ist vielleicht im Begriff, wieder in ihre Rechte einzutreten. Wenn die Tiefen unseres Geistes seltsame Kräfte bergen, befähigt diejenigen der Oberfläche zu mehren oder sie siegreich zu bekämpfen, so haben wir allen Grund, sie aufzufangen, sie zuerst aufzufangen und danach, wenn nötig, der Kontrolle unserer Vernunft zu unterwerfen. Selbst die Analytiker können dabei nur gewinnen. Wichtig ist jedoch zu bemerken, dass keine Methode a priori zur Verwirklichung dieser Unternehmung bestimmt ist; dass diese bis auf weiteres ebenso als der Domäne der Dichter zugehörig gelten kann als der der Gelehrten; und dass ihr Erfolg nicht abhängt von den mehr oder weniger gewundenen Wegen, die man wählen wird.

Mit vollem Recht hat Freud seine Kritik auf das Gebiet des Traums gerichtet. Es ist in der Tat ganz unzulässig, dass dessen beträchtlicher Anteil an der psychischen Tätigkeit (erfährt doch - zumindest von der Geburt bis zum Tode - die geistige Tätigkeit des Menschen keinerlei Unterbrechung, und ist doch die Summe der Traum-Momentem, selbst wenn man nur den reinen Traum, den des Schlafs, in Betracht zieht, nicht geringer als die Summe der Wirklichkeits-Momente, sagen wir einfach: der Wachseines-Momente), dass dieser beträchtliche Anteil des Traums, sage ich, noch so wenig Aufmerksamkeit hat erlangen können. Die Tatsache, dass die Ereignisse des Wachseins und die des Schlafes dem gewöhnlichen Beobachter von so äußerst verschiedener Wichtigkeit und Bedeutung erscheinen, hat mich schon immer in Erstaunen gesetzt. Der Mensch ist eben, wenn er nicht mehr schläft, vor allem ein Opfer seines Gedächtnisses, welches sich darin gefällt, ihm im Normalzustand die Traumereignisse nur schwach nachzuzeichnen - den Traum jedoch all seine Folgenschwere zu benehmen und als einzige Determinante den Zeitpunkt zu sehen, wo der Mensch glaubt, sie vor einigen Stunden zurückgelassen zu haben: jene Hoffnung, jene Sorge. Der Traum sieht sich auf diese Weise4, auf eine Einklammerung reduziert, wie die Nacht. Und nicht mehr als sie bringt er gemeinhin Rat. Diese merkwürdige Sachlage scheint mir zu einigen Überlegungen aufzufordern:

1. Innerhalb der Grenzen, in denen er sich produziert(zu produzieren scheint), erscheint der Traum durchaus als kontinuierlich, zeigt er eine gewisse Organisation. Das Gedächtnis nur maßt sich das Recht an, ihn zu beschneiden, Übergänge nicht zu beachten und uns eher eine Reihe von Träumen vorzuführen als den Traum. Desgleichen haben wir uns von den Realitäten nur im einzelnen Augenblick eine deutlich unterschiedliche Vorstellung, und ihre Koordination ist eine Sache des Willens. [1]

Und es drängt sich hier die wichtigste Beobachtung auf, dass nichts uns ermächtigt, auf eine größere Auflösung bei den Traum-Elementen zu schließen. Wann werden wir schlafende Logiker, schlafende Philosophen haben? Ich möchte schlafen, um mich den Schlafenden hingeben zu können, wie ich mich denen hingebe, welche mich mit offenen Augen lesen, um bei diesen Themen nicht mehr den bewussten Rhythmus meines Denkens überwiegen zu lassen. Mein Traum der letzten Nacht setzt vielleicht den der vorhergehenden Nacht fort, und vielleicht erfährt er in der kommenden Nacht seine Fortsetzung in löblicher Folgerichtigkeit. Das ist wohl möglich, heißt es. Und da es keineswegs erwiesen ist, dass auf diese Weise die 'Wirklichkeit', die mich beschäftigt, im Traume weiterbesteht, dass sie nicht ins Unerinnerliche versinkt - warum sollte ich dem Traum nicht zugestehen, was ich zuweilen der Wirklichkeit verweigere, jenen Wert der eigenen Gewissheit nämlich, der während der Traumspanne ganz und gar nicht von mir geleugnet wird? Warum sollte ich vom Exponenten des Traums nicht noch mehr erwarten als ich von einem täglich höheren Bewusstseinsgrad erwarte? Kann nicht auch der Traum zur Lösung grundlegender Lebensfragen dienen? Und diese Fragen, sind es die gleichen in beiden Fällen und sind sie im Traume bereits? Enthält der Traum weniger Gesetzeskraft als das übrige Leben? Ich altere, und vielleicht ist es - mehr noch als diese Wirklichkeit, der ich mich unterworfen glaube - der Traum, meine Gleichgültigkeit ihm gegenüber, welche mich altern lässt.

2. Betrachten wir noch einmal den Wachzustand. Ich kann nicht umhin, ihn für ein Interferenz-Phänomen zu halten. Nicht nur, dass der Geist in diesem Zustand eine merkwürdige Neigung zur Verwirrung zeigt (hierher gehören das Versprechen und alle Arten der Fehlleistung, deren Geheimnis uns soeben entdeckt wurde); es scheint auch, dass er in normaler Funktion weitgehend Suggestionen aus jener tiefen Nacht folgt, aus der ich ihn herleite. So gut ausgebildet er ist, sein Gleichmaß ist ein relatives. Kaum wagt er es, sich auszudrücken, und tut er es, dann beschränkt er sich darauf, festzustellen, dass diese Idee, jene Frau ihm Eindruck mache. Welchen Eindruck, wäre er unfähig zu sagen, er beweist hier den Grad seiner Subjektivität, nichts sonst. Diese Idee, diese Frau berührt ihn, bestimmt ihn, weniger starr zu sein. Für einen Augenblick bewirkt sie seine Isolierung vom Auflösenden, lässt ihn im Himmel sich absetzen, schöner Niederschlag, der er zu sein vermag, der er ist. Weil er keinen anderen Grund dafür weiß, spricht er dann vom Zufall, dunklere Gottheit als jede andere, schreibt ihm alle seine Verwirrungen zu. Wer kann behaupten, dass die Art und Weise, mit der ihn diese Anrührung überkommt, dass was, was er in den Augen jener Frau liebt, nicht gerade das ist, was ihm mit seinem Traum verbindet, ihn an Gegebenheiten kettet, die er durch eigene Schuld verloren hat? Und: wäre es nicht so, zu was wohl wäre er imstande? Ich möchte ihm den Schlüssel zu diesem Gang geben.

3. Der träumende menschliche Geist sättigt sich an allem, was ihm begegnet. Die angstvolle Frage nach den Möglichkeiten existiert hier nicht mehr. Töte, stehle schneller, liebe, was dir gefällt. Und wenn du stirbst, hast du nicht die Gewissheit, von den Toten zu erwachen? Lass dich leiten, die Ereignisse dulden keinen Aufschub. Du hast keinen anderen Namen. Die Leichtigkeit in allem ist unschätzbar.
Welche Vernunft, frage ich, welche soviel großzügigere Vernunft verleiht dem Traum diese Natürlichkeit, lässt mich rückhaltlos eine Menge von Vorgängen aufnehmen, die mich in diesem Moment, während ich hier schreibe, zu Boden schmettern würden? Und dennoch kann ich meinen Augen, meinen Ohren trauen: Jener schöne Tag hat sich ereignet, jenes Tier hat geredet. Wenn das Erwachen des Menschen schwerer ist, zu hart der Zauber zerreißt - so ist es, weil, man ihn dazu gebracht hat, sich eine armselige Vorstellung von der Sühne zu machen. Von dem Augenblick an, wo der Mensch einer methodischen Befragung unterworfen wird; wo es gelingt, den Traum in seiner Integrität wiederzugeben durch entsprechende Mittel (und das bedarf einer Gedächtnis-Disziplin über Generationen hinweg, beginnen wir immerhin damit, die hervorstechenden Züge festzuhalten); von dem Punkte an, wo seine Kurve sich in Stetigkeit und Fülle ohnegleichen entwickelt, darf man die Hoffnung hegen, dass die Mysterien, die keine sind, dem großen Mysterium weichen werden. Ich glaube an die künftige Auflösung dieser beiden scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluten - wenn man so will - Über-Wirklichkeit. Ihrer Eroberung strebe ich zu in der Gewissheit, sie nicht zu erreichen; zu unbesorgt jedoch um meinen Tod, um nicht wenigstens die Freuden eines solchen Besitzes abzuwägen.

Es wird erzählt, dass Saint-Pol-Roux jeden Tag, bevor er schlafen ging, an die Tür seines Landhauses Camaret einen Anschlag machen ließ, auf dem zu lesen war: Der Dichter arbeitet.
Vieles wäre noch zu sagen, aber ich wollte unter anderem ein Thema nur berühren, das allein eine sehr lange Studie und eine sehr viel strengere Behandlung erfordert; ich werde darauf zurückkommen. Für dieses Mal war meine Absicht, dem Hass auf das Wunderbare, der bei gewissen Menschen herrscht und der Lächerlichkeit, der sie es preisgeben wollen, den Prozess zu machen. Ein für alle mal: Das Wunderbare ist immer schön, gleich welches Wunderbare ist schön, es ist sogar nur das Wunderbare schön.

Eines Abends, vor dem Schlafengehen, vernahm ich, so deutlich ausgesprochen, dass es unmöglich war, ein Wort daran zu verändern, gänzlich verschieden jedoch vom Klang irgendeiner Stimme, einen sehr merkwürdigen Satz, der zu mir kam, ohne eine Spur der Geschehnisse zu tragen, in die ich nach Aussage meines Bewusstseins zu diesem Zeitpunkt verwickelt war - ein Satz, der mir dringlich erschien, ich würde sagen, der ans Fenster klopfte. Geschwind nahm ich Kenntnis davon und wollte es dabei belassen, als sein essentieller Charakter mich zurückhielt. Wahrlich, dieser Satz setzte mich in Erstaunen; ich habe ihn leider nicht bis heute behalten, es war etwas wie: "Da ist ein Mann, der durch ein Fenster entzweigeschnitten ist", doch konnte er keinen Doppelsinn enthalten, denn er wurde begleitet von der schwachen visuellen Erscheinung[ 2 ] eines gehenden Mannes, der in halber Höhe senkrecht zur Achse seines Körpers von einem Fenster durchschnitten war. Ohne Zweifel handelte es sich um das einfache Aufrichten im Raum eines sich zum Fenster hinauslehnenden Mannes. Aber da dieses Fenster der Veränderung des Mannes gefolgt war, wurde mir klar, dass ich es mit einem Bild recht seltener Art zu tun hatte; und sogleich hatte ich keinen anderen Gedanken, als es meinem Material für poetische Konstruktion einzuverleiben. Ich hatte kaum dieses Interesse zugestanden, als es auch schon von einer fast ununterbrochenen Reihe von Sätzen abgelöst wurde, die mich kaum weniger überraschten und mir den Eindruck einer solchen Willkürlichkeit vermittelten, dass die Selbstkontrolle, mit der ich bis zu diesem Tage gelebt, mir illusorisch erschien und ich nur mehr daran dachte, dem endlosen Streit in meinem Innern eine Ende zu setzen.

[ 1 ] Man muss die Tiefe - im räumlichen Sinne - des Traums in Rechnung stellen. Im Allgemeinen behält man nur, was von seinen oberflächlichen Schichten stammt. Was ich besonders an ihm in Betracht ziehen möchte ist das, was beim Erwachen untergeht, alles, was nicht Übriggebliebenes ist vom vorhergehenden Tag, dunkles Laub, blödes Gezweig. Auch in "Wirklichkeit" ziehe ich es vor, zu fallen.

[ 2 ] Als Maler hätte ich zweifellos dieser visuellen Erscheinung den Vorzug vor der anderen gegeben. Es waren wohl meine bisherigen Neigungen, die hier den Ausschlag gaben. Seit jenem Tag konzentriere ich zuweilen meine Aufmerksamkeit auf ähnliche Erscheinungen, und ich weiß, dass sie an Genauigkeit in nichts den hörbaren Phänomenen nachstehen. Mit Bleistift und weißem Papier wäre es mir ein leichtes, ihren Umrissen zu folgen. Weil es sich hier wieder einmal nicht darum handelt, zu zeichnen - es handelt sich nur darum, durchzupausen. Ich könnte auf diese Weise sehr gut alles mögliche darstellen, wovon ich jetzt nicht einmal die schematische Ansicht liefern könnte. Überzeugt, mich zurechtzufinden, würde ich eintauchen in einen Wirrwarr von Linien, die zunächst nirgendwo hinführten. Und ich würde, wenn ich die Augen öffnete, eine überaus starke Empfindung von 'niemals gesehen' (jamais vu) verspüren.

Andre Breton (1896 - 1966 ) war ein französischer Dichter, Schriftsteller und der wichtigste Theoretiker des Surrealismus; sein ganzes Leben war mit dieser Bewegung verbunden.

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