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11. Februar 2013   Nahrungsmittelspekulation

»Mit Essen spielt man nicht!«

MitEssenSpieltManNicht
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Hg von Oxfam Deutschland

Studie zur deutschen Finanzbranche und das Geschäft mit dem Hunger

„Ich habe oft Angst, nach dem Preis zu fragen. Ich frage von Weitem, höre es und gehe dann langsam wieder weg.“ (Landarbeiter aus Bangladesch, Oxfam 2011)

Der von Oxfam interviewte Landarbeiter aus Bangladesch ist einer von vielen, die sich ihr Essen nicht mehr leisten können, denn im Jahr 2011 sind die Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais, Hirse und Speiseöl weltweit gestiegen.

In Deutschland geben wir durchschnittlich gut zehn Prozent unseres Einkommens für Nahrungsmittel aus, Familien in armen Ländern dagegen bis zu 80 Prozent. Steigen die Preise, wächst dort der Hunger. So geschehen im Jahr 2008: Die globale Nahrungsmittelkrise trieb die Zahl der hungernden Menschen weltweit auf über eine Milliarde und löste in 61 Ländern Hungerproteste aus (Oxfam 2011).

Zahlreiche Studien, die den Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelspekulation, Preisexplosionen und Hunger beleuchten, kommen zu ähnlichen Ergebnissen: „Wir nehmen an, dass Indexfondsaktivitäten […] eine Schlüsselrolle bei der Preisspitze von 2008 gespielt haben.“ (Weltbank 2010) Das Zitat stammt von Mitarbeitern der Weltbank und der EU-Kommission, die keinesfalls als börsenfeindlich gelten können. Auch das Weltwirtschaftsforum hat im Jahr 2012 erstmals nicht nur den Mangel an Nahrung, sondern auch die extreme Preisvolatilität, die eng mit der Spekulation verbunden ist, als eines der fünf globalen Risiken aufgeführt. (Weltwirtschaftsforum 2012)

Von der Allianz bis zur Sparkasse – die Spekulationen deutscher Finanzinstitute verstärken den Hunger in der Welt.

Die Untersuchungsergebnisse sind klar und beunruhigend: Zahlreiche deutsche Banken, Versicherungen und Sparkassen legen das Geld ihrer Kundinnen und Kunden in  undurchsichtigen Finanzprodukten wie z. B. Indexfonds an, die mit den Preisen von Nahrungsmitteln spekulieren. Mit geschätzten über elf Milliarden Euro stammt etwa ein Sechstel des globalen Anlagevermögens in Agrarrohstoffen und Nahrungsmitteln von deutschen Finanzinstituten. Die Allianz und die Deutsche Bank stehen dabei mit deutlichem Abstand an der Spitze. Beide sind globale Player, die Milliardeninvestitionen tätigen. Viele weitere kleinere Akteure bilden ein flächendeckendes Netz, um auch Gelder von Sparerinnen und Sparern oder Versicherten in die Nahrungsmittelspekulation zu lenken. Und dieser Trend wächst mit äußerst rasanter und beunruhigender Geschwindigkeit. Nach den vorliegenden Schätzungen ist das deutsche Anlagevolumen in die Nahrungsmittelspekulation zwischen 2008 und 2011 um mehr als 400 Prozent gestiegen.

Gleichzeitig fehlt jede kritische Sicht auf das Thema. Es zählt nur das gute Geschäft – die Leidtragenden bleiben unsichtbar. Leidtragende wie María Antonia León aus El Salvador und ihre fünfköpfige Familie. Frau León berichtet: „Früher konnte ich mit 20 Dollar meinen Einkaufswagen füllen. Jetzt geht das nicht mehr ... Ich gebe 40 Dollar aus, und es ist immer noch nicht genug. Ich kann noch nicht mal einen Einkaufskorb füllen, weil alles so teuer ist.Wir schaffen es einfach nicht.“ (Oxfam America 2011)

Mit Essen spielt man nicht! Es herrscht dringender Handlungsbedarf. Oxfam appelliert an die Politik und die Finanzbranche, dieser unheilvollen Entwicklung ein Ende zu setzen. Wir fordern die Politik auf, den Spekulanten die notwendigen Grenzen zu setzen, und die Finanzbranche, aus der Spekulation mit Nahrungsmitteln auszusteigen. Bürgerinnen und Bürger sind gefragt, den dazu notwendigen öffentlichen Druck zu erzeugen. Spezifische Forderungen und Handlungsvorschläge werden am Ende dieser Studie formuliert.

Rein spekulative Börsengeschäfte mit Nahrungsmitteln, bei denen letztlich kein Sack Weizen den Besitzer wechselt, sind zwar nicht die einzige Ursache für Hungerkrisen, tragen aber eine wesentliche Mitverantwortung für Preisexplosionen und die extremen Preisschwankungen, die Hunger verursachen. Neben Ungerechtigkeit beim Zugang zu Land und Wasser, Diskriminierung von Frauen, Bodendegradation, unfairen Handelsregeln und der jahrzehntelangen Vernachlässigung kleinbäuerlicher Strukturen zeigen sich in den jüngsten Jahren neue besorgniserregende Tendenzen:
die massive Vertreibung der bäuerlichen Bevölkerung armer Länder von ihren Feldern durch eine Investionswelle in große Ländereien (vielfach in Form von Landgrabbing),
die spürbaren Auswirkungen des in erster Linie von den Industrienationen verursachten Klimawandels auf die armen Länder sowie
ein verschwenderischer Einsatz von Nahrungsmitteln für die Produktion von Agrartreibstoffen.

Diese Faktoren machen den weltweiten Lebensmittelmarkt immer instabiler und verursachen starke Preisschwankungen. Genau darauf wetten Nahrungsmittelspekulanten. Sie beschleunigen existierende Trends und treiben Preisausschläge auf die Spitze. Extreme und schnelle Preisschwünge stellen ein besonderes Risiko für Menschen in Armut dar, die keine Gelegenheit haben, sich darauf vorzubereiten und abzusichern. Der genaue Anteil der Spekulation am
Zuwachs des Hungers ist schwer zu beziffern, aber bereits ein Prozent Preissteigerung würde millionenfaches Elend bedeuten. Kann ein Mensch wegen der durch Spekulation stark gestiegenen Preise das Essen für sich und seine Familie nicht mehr bezahlen, ist das eine Verletzung seines international anerkannten Rechts auf Nahrung.